Auch Heinrich Heine hat in Clausthal auf seiner Harzreise, die beiden bekanntesten Clausthaler Gruben befahren. Hier seine Eindrücke davon:
Heinrich Heine: Harzreise - Grubenfahrt 1824
Das Schaubergwerk
Für die Besucherinnen und Besucher bildet der Gang durch das Schaubergwerk - durch seine über- und untertägigen Anlagen - zweifellos den Höhepunkt. Aber auch für eiligere Besucher ohne
Vorbereitung ist das Schaubergwerk ein Erlebnis. Dabei erschließt sich die in historisch getreuer Form aus originalen Gebäuden und bergbaulichen Einrichtungen zu einem der ersten größeren technischen Freilichtmuseen Deutschlands
zusammengestellte Anlage am besten nach dem Besuch der Bergbaufilme im zweiten Obergeschoß, der Besichtigung der Modellsammlung und mit Hilfe eines Führers. Die Grubenfahrt beginnt im Gaipel der Grube "Prinzeß
Auguste Caroliner". Der Name ist einer von 1757 - 1817 in Lautenthal betriebenen Grube entlehnt, woher auch die wesentlichen Teile des Schachtgebäudes stammen. Oberbergrat Hans Barry, der Schöpfer der Bergwerksanlage,
leitete ab 1924 für einige Jahre die Berginspektion Lautenthal, zu der auch Bockswiese gehörte, und hat hiermit ein Stück Bergbaugeschichte dieses traditionsreichen Reviers erhalten. Die Hängebank Erste Station der Grubenfahrt ist die "Hängebank". So bezeichnet der Bergmann bis heute den höchsten Punkt des Schachtes, bis zu dem das Erz gefördert
wird. Am Boden der bis zum Niveau der Hängebank heraufgeförderten Tonnen wird ein an einer Kette hängender Haken eingeklinkt; die Tonne wird etwas abgesenkt und dadurch "gestürzt", d. h. entleert, und
wieder eingehängt. So erklärt sich die bergmännische Bezeichnung "Hängebank" oder "Stürzbank". Von hier aus wurde das zu Tage geförderte Erz zu den Pochwerken und zur Erzwäsche, also in Anlagen der Erzaufbereitung,
gebracht. Auf der Hängebank lassen sich die Teile einer Schachtanlage des historischen Oberharzer Erzbergbaus in ihrem Zusammenspiel erklären, da
von ihr aus der rechteckige, in "Fahrschacht" und "Treibschacht" geteilte Schacht, gut zu erkennen ist.
Im "Fahrschacht" ist der Bergmann ein- und ausgefahren. In ihm befinden sich die "Fahrten" (Leitern), die "Pumpenkunst" und seit ihrer Erfindung durch den Einfahrer und späteren Berggeschworenen Dörell im
Jahre 1833 auch die "Fahrkunst". Abb: Auf der Hängebank. In versetzt übereinander angeordneten Pumpsätzen wurden durch Auf- und Niedergehen des
Pumpengestänges die Grubenwasser zu Tage gehoben. Aufgebohrte Baumstämme bildeten gleichsam den Zylinder, in dem der am Gestänge befestigte Kolben auf- und abging. Da die Länge der per Hand
aufgebohrten Stämme begrenzt war (in diesem Schacht sind es 6,80 m), wurde das in dem einen Rohr hochgepumpte Wasser in einen Holztrog geleitet, aus diesem in einem versetzt befestigten Rohr
hochgepumpt, wieder in einen Holztrog geleitet ... usw. Welche Bedeutung der gleichmäßige Betrieb der Pumpen hatte, geht aus einer sinnreichen Einrichtung hervor: Eine kleine Glocke, von der Bewegung des
Pumpengestänges angeschlagen, signalisierte das Funktionieren. Verstummte das Glöckchen, so eilte alles zum Schacht, denn Stillstand der Pumpen bedeutete stets "Wassernot" im Schacht.
|
Vor Einführung der Seil-Fahrkunst, bei der die Trittbretter und Haltevorrichtungen an einem Drahtseil
befestigt wurden, bestand das Gestänge der Fahrkunst aus massiven Vierkanthölzern. Eine solche Fahrkunst älterer Bauart, wie sie aus der Pumpenkunst entwickelt worden ist, führt hier in den Schacht
hinein, ist allerdings nicht beweglich. Stellen wir uns eine Fahrkunst aus so miteinander verbundenen massiven Kanthölzern vor, so können wir ermessen, welche durch das Kunstrad erzeugten Kräfte
notwendig waren, um bei mehreren hundert Meter tiefen Schächten diese tonnenschwere Vorrichtung in gleichmäßigem Rhythmus auf- und abzubewegen. Gefahrlos war das Ein- und Ausfahren nicht, aber doch
eine große Erleichterung für die Bergleute und auch ein ökonomischer Fortschritt, weil die Schwerarbeit - zumal nach getaner Arbeit - des Heraufsteigens auf Hunderten von Leitermetern entfiel und ein zeitlicher
Gewinn heraussprang. Zwar erhielten die Bergleute die "Fahrzeit" in der Regel nicht bezahlt, aber ihre Arbeitskraft blieb durch die Verkürzung der "Fahrzeit" länger erhalten. Bei einem z. B. ca. 500 m tiefen
Schacht (um 1830 war der Schacht "Herzog Georg Wilhelm" in Clausthal bereits auf 660 m und der Schacht "Samson" in St. Andreasberg auf 844 m abgeteuft) wurde die Anfahrzeit von ca. zwei Stunden auf
ca. 25 Minuten verkürzt. Dörell gibt für 100 Lachter, also rund 192 m, 7 bis 10 Minuten an. Ein bewegliches Modell der Fahrkunst auf der Hängebank trägt zusätzlich zum besseren Verständnis dieser in der
damaligen Zeit segensreichen Einrichtung bei. Im "Treibschacht", auch "Fördertrum" genannt, wurden die vollen Erztonnen gehoben und die leeren in den
Schacht hinabgelassen. Die hierfür notwendige Energie lieferte ein mit Wasser beaufschlagtes Kehrrad, ein Wasserrad, dessen doppelter Schaufelkranz zwei entgegengesetzte Drehrichtungen ermöglichte. In der
Modellsammlung (Modell der "Grube Dorothea") ist ein solches Kehrrad zu besichtigen, und der Videofilm im zweiten Obergeschoß zeigt ein Kehrrad in Funktion. Im Gegensatz zum offenen "Fahrschacht" ist der
"Treibschacht" mit zwei schweren Schachtklappen verschlossen, die sich nur beim Durchgang der Erztonnen öffnen. Diese Sicherheitsvorrichtung sollte verhindern, daß Bergleute beim Hantieren der
schweren Erztonnen in den Schacht stürzten oder Brocken beim Stürzen der Tonne hineinfielen. Bei Schächten von solcher Tiefe konnte nicht "auf Sicht" gearbeitet werden. Daher dienten vereinbarte
Klopfzeichen in einer bestimmten Schlagfolge der Verständigung. Das System war einfach, aber sicher. Mit Hilfe einer Leine konnte das Klopfzeug aus jeder Tiefe bedient werden, so daß der "Schützer" des
Kehrrades (heute würden wir "Maschinist" sagen) durch diese Signale vom Stand der Arbeiten informiert wurde. Auf der "Signaltafel" sind die Klopfzeichen in ihrer Bedeutung erklärt.
Eine besondere Attraktion auf der Hängebank ist die originale Rettungstonne. Aus Holz, ähnlich den Fördertonnen mit Eisenringen bewehrt, mit einer Tür und einem kleinen Sitz versehen, wurde sie zur
Rettung verunglückter Bergleute eingesetzt. Spätestens beim Anblick der Rettungstonne taucht bei Besucherinnen und Besuchern die Frage auf, warum nicht auch für die Ein- und Ausfahrt zur Schicht
Tonnen verwendet worden sind - ein in anderen europäischen Bergbaurevieren durchaus übliches Verfahren. Als Vorform der "Seilfahrt" fuhren z. B. im berühmten Salzbergwerk Wieliczka in Polen die Bergleute auf
einem Seilknoten oder in einer Seilschlinge sitzend in den Berg. Eine solche Fahrt oder eine Personenfahrt in einer Tonne waren im Harzer Bergbau von der Bergbehörde verboten, weil sie wegen der nur bedingten
Haltbarkeit der Hanfseile oder der Ketten und der Anlage der Schächte zu riskant waren. Die heute übliche "Seilfahrt", also das Ein- und Ausfahren in einem Förderkorb, ist im Oberharz mit Inbetriebnahme der
modernen Schächte (Ottiliae-Schacht 1878; Schacht Kaiser Wilhelm II. 1892) zwar möglich gewesen, aber die Bergleute konnten nicht gezwungen werden, mit dem Förderkorb ein- und auszufahren. Daher war im
Kaiser-Wilhelm-Schacht noch 1895 eine von einer Wassersäulenmaschine angetriebene Fahrkunst in Betrieb. In § 1 der Anlage 3 der "Allgemeinen Bergpolizeiverordnung" von 1899 für den Verwaltungsbezirk
des Königlichen Oberbergamtes zu Clausthal, die noch im Jahre 1911 bestätigt wurde, heißt es: "Kein Arbeiter darf gezwungen werden, sich des Seiles zum Fahren zu bedienen" So blie
b also in früherer Zeit die Ausfahrt in der Tonne den Verletzten vorbehalten, die nicht mehr mit eigener Kraft die Fahrten oder die Fahrkunst benutzen konnten.
Fragen, Anregungen, Kritik richten Sie bitte an Rolf Budach
oder an das Museum.
Copyright (c) Oberharzer Bergwerksmuseum
,
Donnerstag, 21. September 2006
Anschrift:
Das Oberharzer Bergwerksmuseum
Bornhardtstraße 16
38678 Clausthal-Zellerfeld
Telefon: 05323/98950
Telefax: 05323/989569
täglich von 10-17 Uhr
geöffnet.
E-Mail